Mir ist in den letzten Tagen noch mal etwas extrem aufgefallen.
Und zwar, was passiert, wenn wir unsere Wut nicht halten können.
Wenn sie einfach rausbricht. Laut und unkontrolliert.
Dann wird sie oft an Stellen und vor allem an Menschen ausgelassen, die damit eigentlich gar nichts zu tun haben. Mit der Wut an sich.
Und das passiert sicher nicht, weil wir schlechte Menschen sind.
Sondern weil wir nie gelernt haben, wie wir mit dieser Wut überhaupt umgehen sollen.
Und ich bin auch überzeugt: das eigentliche Problem ist nicht die Wut.
Sondern dass sie wie keinen Raum hat. Und den vielleicht auch nie hatte.
Vor allem nicht für uns Frauen.
Denn: Wut ist nicht schön.
Nicht leise.
Nicht angepasst.
Zumindest sagt das die Gesellschaft.
Also haben wir gelernt, sie runterzudrücken. Nicht so laut zu sein. Nicht so emotional zu sein. Nicht zu übertreiben. Und halten sie zurück. Immer wieder.
Und irgendwann ist da einfach zu viel. Wie in einem Schnellkochtopf.
Du kannst den Druck eine Zeit lang halten. Aber nicht für immer. Und wenn er zu groß wird, geht er irgendwo raus.
Nicht bewusst. Nicht gewählt. Sondern einfach da, wo es gerade bricht.
Und das eben oft genau an den Stellen, wo es weder angebracht noch fair ist. Bei Menschen, die es nicht verdient haben. Weil sie nicht die Ursache sind.
Nur da in dem Moment, in dem es kippt. In dem Moment, in dem der Schnellkochtopf den Deckel sprengt.
Und dann passiert etwas, das viele von uns kennen:
Du bist plötzlich nicht mehr wirklich da. Du reagierst nur noch. Und erst danach merkst du, was eigentlich passiert ist.
Ich glaube nicht, dass das bedeutet, dass mit uns etwas falsch ist.
Ich glaube, es bedeutet, dass wir nie gelernt haben, mit dieser Energie umzugehen.
Denn das ist Wut. Wut ist Energie.
Und wenn sie da ist, hat sie einen Grund. Und das, was da rauskommt, ist nicht „zu viel“. Es ist nur das, was lange keinen Platz bekommen hat. Oder nie Platz haben durfte.
Und am Ende geht es für mich tatsächlich gar nicht darum, Wut loszuwerden. Denn ich finde Wut wunderschön. Es geht auch nicht darum, sie komplett zu kontrollieren. Sondern darum, endlich zu lernen, sie zu halten. Sie nicht gegen dich. Nicht gegen andere anzuwenden. Sondern sie für dich einzusetzen.
Weil genau da, wo du wütend bist, klar wird, was wahr ist. Was dir wichtig ist. Was du liebst.
Und genau dann beginnt Verantwortung. Nicht im Unterdrücken. Nicht im Explodieren.
Sondern in dem Moment, in dem du bei dir bleibst, auch wenn es intensiv wird. In dem Moment, indem du dir erlaubst, deine Wut da sein zu lassen. Sie zu fühlen und durch dich durch fließen zu lassen. Sie willkommen zu heißen. Als Teil von dir.
Und das ist nichts, was in dir fehlt. Das ist etwas, das du nie lernen durftest.
Aber genau das ist auch der Punkt, an dem sich alles verändert. An dem aus der nicht gewollten, unschönen Emotion etwas Wunderbares und Kraftvolles und tief Transformierendes werden darf.
